Norghul III

Das Böse


Viele Jahrhunderte galt Norghul als das neutrale Gebiet zwischen Licht und Schatten. Doch nun scheint es immer mehr zu einem inoffiziellen Kriegsgebiet zu werden.
Licht und Dunkelheit schmieden Intrigen, in die immer mehr Menschen verstrickt werden und die vor allem die Wächter mehr als sonst beschäftigt. Nach und nach werden immer mehr ihrer Verbündeten und Freunde darin verwickelt und es scheint, als wenn sich diese Intrigen im Grunde gegen sie und ihre Aufgaben und Ziele richten.
So zogen sich die Wächter zurück, um niemanden mehr zu gefährden. In Norghul wurde es wieder ruhiger, aber wie lange würde es so bleiben?


Wer sich noch an die Ereignisse vor einem halben Jahr erinnert, der weiß, daß das Verhältnis zwischen den Menschen und den Dämonen durch Ranokas Tat schwer belastet war. Und so bot die Taverne den Gästen auch ein eher ungewohntes Bild. Wo sich sonst Keyla, Treach oder Deorad De fast täglich aufhielten, waren diesmal nur der Falkner-Clan, Merrimen und einige Einwohner aus der Umgebung anwesend.
Wie durch Zufall wurden auch einige Mitglieder der Mitskar- Familie in Norghul "angespült". Meister Broback und Talos Wanderwald wollten zuerst nur kurz bleiben, um sich zu "erleichtern", blieben dann aber doch noch den ganzen Abend. Auch waren die Gerüchte über den Tod von Richard Steinbrecht stark übertrieben, denn er saß sehr lebendig in der Taverne und strickte an einem feinen Kettenhemd.
Die Abrundung bildete das recht kurze Auftauchen von Shin Muso mit seiner Gefährtin Nellwy. Celevan hatte leider ein kleines Missverständnis mit der Fee Unsinn, so daß er schon einige Tage vorher nach Norghul teleportiert wurde. Ranoka blieb dadurch nichts anderes übrig, als auch sofort aufzubrechen, um seinen Freund dort nicht allein zu lassen.


Nun, dies war die Situation, wie sie in jeder anderen Taverne, in jedem anderen Land auch nichts Ungewöhnliches wäre. Ebenso ungewöhnlich war der gute Hunger, den Meister Broback mitbrachte. Die Nachricht, daß in der Taverne nichts zu essen verkauft werden würde, machte seine Laune nicht gerade besser.

Es war nicht viel los und der kalte Wind ließ fast vergessen, daß es eigentlich schon viel wärmer sein müßte. So setzte man sich zusammen, und tauschte Informationen aus der Heimat Tamar aus, redete mit dem Falkner-Clan über diese und jene Art der gehobenen Beleidigung. Ein richtiger Zwerg kann da auch wahrlich besser argumentieren, als ein Dutzend Winkeladvokaten.

Ranoka indes hatte nicht vergessen, aus welchem Grund er letztendlich nach Norghul gekommen war. Er hatte schon seit Wochen einen ständigen Ruf der Dämonen vernommen. Sie verlangten von ihm, daß er kommen solle und für seine Tat einstehen müsse.
Doch es war nichts von ihnen zu sehen. Das einzige übernatürliche Wesen schien Merrimen, der die anderen Gäste köstlich damit unterhielt, daß er sich mit einem örtlichen Jäger stritt.


Doch dann bekam Ranoka Besuch. Jedoch nicht, wie er vermutete, von einem der Dämonen, die ihn gerufen hatten, sondern von Elya, dem Engel, die ihm einst den selbstmörderischen Auftrag gegeben hatte. Sie bot ihm im ihre Hilfe an bei der Bewältigung des Problems, vor dem Ranoka stand. Dummerweise beinhaltete dieser Plan die Tötung von Keyla. Ranoka mußte sich also entscheiden, ob er die Sache allein durchstand, oder ob er einem Unrecht gleich noch ein viel größeres Unrecht folgen lassen wollte. Celevan hingegen ging es auch nicht besser. Er erhielt ständige Einflüsterungen von einem Dämon, die ihn dazu übereden wollte, einzugreifen und Ranoka zu helfen. Der Preis dafür wäre allerdings sehr hoch gewesen. Zu hoch, als daß man es überhaupt in Betracht ziehen könnte.
Nach langem debattieren schafften es dann schließlich beide, ihre persönlichen "Betreuer" davon zu überzeugen, daß sie ihrer Hilfe nicht bedurften oder sie schlicht ablehnten.

Der Tag zog dahin, die zwanglose Unterhaltung der Gäste erzeugte eine Atmosphäre von relativer Sicherheit, ja vielleicht sogar Langeweile. Dann tauchte jedoch urplötzlich Treacherous hinter Ranoka auf. Es war ein sehr großer Kontrast. Ranoka hatte nicht vorgehabt, die Sache eskalieren zu lassen, so daß er ohne jede Rüstung und nur mit einem kleinen Dolch ausgestattet, nach Norghul gereist war. Treach hingegen trug ihre komplette Lederrüstung, die auch noch um einen Helm ergänzt war. Man konnte nur noch ihre Augen sehen, die ihren Blick in Ranoka bohrten.
Sie sagte ihm, daß er ihr folgen solle, damit sie reden könnten. Doch als sie hinter der Taverne an einem großen Steintisch angelangt waren, fiel Ranoka urplötzlich in einen tiefen Schlaf. Als er erwachte, war Treach verschwunden. Doch das löste überhaupt nicht seine Probleme, denn sein Hals brannte wie Feuer. Die restlichen Gäste standen um ihn herum und schauten ihn interessiert an. Vielmehr schauten sie auf seinen Hals, denn dort trug Ranoka eben jenes metallische Halsband, das er vor einem halben Jahr Treach angelegt hatte. Allerdings wurde es verändert. Es war kein Schloß sichtbar, es schien wie nahtlos angefügt, es ließ sich nicht abnehmen. Und es trug eine Art dämonischen Fluch in sich, denn es brannte sich in die Haut von Ranokas Hals. Jede Minute, die er das Halsband trug, vertiefte die Wunde und raubte ihm mehr und mehr seiner Kräfte.
Es tauchte sogar Elya wieder auf, und bot ihm noch einmal an, ihm zu helfen. Doch er hatte sich schon für seinen Weg entschieden. Nach endlosen Minuten war seine Widerstandskraft jedoch am Ende. Voller Erschöpfung und Schmerzen brach er bewußtlos zusammen.

Zum Erstaunen der Anwesenden wurde in diesem Moment das Schloß des Halsbandes sichtbar. Celevan entfernte den Sicherungsstift und befreite Ranoka von der Last. Eine tiefe Wunde kam darunter zum Vorschein. Eilig eingeleitete Hilfsmaßnahmen, holten den Patienten dann auch wieder aus der Bewußtlosigkeit. Doch obwohl Ranoka über gute Selbstheilungskräfte verfügte, schien sich die Wunde am Hals nicht schliessen zu wollen. Das Halsband indes verschwand vor den Augen der Anwesenden. Meister Broback hatte sich schon gefreut, es in seiner Werkstatt näher untersuchen zu können.

Der Falkner-Clan verließ sehr eilig die Taverne, und es kehrte wieder die Ruhe ein, die schon vorher herrschte.
Doch bald schon gesellte sich eine weitere Reisegruppe zu den Gästen. Eine Gräfin mit ihrer Nichte, einer Zofe und zwei Wachen. Die Nichte wirkte sehr verschlossen. Sie klammerte sich verbissen an eine Puppe, die sie in den Armen hielt und machte einen verstörten, ja fast wahnsinnigen Eindruck. Viele der Gäste machten der Gräfin ihre Aufwartung. Celevan ließ sich sogar dazu hinreissen, ihr seine Dienste anzubieten. Die Gräfin nahm dieses Angebot auch dankend an. Sie wollte die Taverne für kurze Zeit verlassen, und trug Celevan auf, auf ihre Nichte zu achten, damit diese nicht die Taverne verließ.

Nachdem die Gräfin mit einer Wache gegangen war, tauchte auch bald eine schwarz verhüllte Gestalt auf. Sie schlich um das Gebäude und entzog sich allen Versuchen, näher an sie heranzukommen. Die Nichte der Gräfin hingegen fühlte sich von der Gestalt angezogen. Sie versuchte zu ihr zu gelangen, was jedoch jedesmal vereitelt werden konnte.
Man versuchte ihrem apathischen Wesen auf die Schliche zu kommen und ihre merkwürdige Handlungsweise zu ergründen. Sie klammerte sich an ihre Puppe und schien manchmal sogar mit ihr zu sprechen, als ob sie Instruktionen erhalten würde. Eine Untersuchung ergab, daß die Nichte zwar eine neutrale Aura hatte, aber die Puppe von einer absoluten Schwärze war.

Es wurde viel diskuttiert und geplant, doch niemand vermochte eine Lösung für das Rätsel zu finden. Dann fing der Horror an, seine Wirkung zu tun. Die Zofe, die ursprünglich wie eine ganz normale Frau aussah, verwandelte sich in ein abstoßendes Wesen. Ihre Augen wurden zu weissen kranken Pupillen. Die Haut schälte sich von ihrem Fleisch. Ihre Stimme war nur noch ein boshaftes, unmenschliches Gelächter. Als ob das nicht schon genug war, fing sie auch noch an, einige Gäste zu beissen.
Man versuchte, sie zu bändigen oder unschädlich zu machen. Letztendlich konnte man sie in einem magischen Kreis fangen. Doch viel verwirrender war die Reaktion der Einwohner und des Wirtes. Sie beklagten sich, warum man so etwas mit dieser Frau machen würde. Sie sei doch nur eine normale Frau, und man sollte sie in Ruhe lassen. Keiner der Gäste konnte sich darauf einen Reim machen. Sie alle sahen das abscheuliche Monster, das im Magiekreis gefangen war, und gleichzeitig sahen sie die Einwohner, die sich über diese Gefangennahme beklagten.
Nach einer Weile verschwand die Zofe spurlos aus dem Kreis. Nur wenig später verwandelte sich dafür die einst schön anzusehende Schankmaid in ein ähnlich hässliches Monster. Sie biss um sich und wurde dafür von den Gästen aus der Taverne gejagt. Und wieder lamentierte der Wirt darüber lauthals und warnte die Gäste, daß sie die Leute in Ruhe lassen sollten.
Shin Muso war einer der Unglücklichen, die von einem der Bisse niedergestreckt wurden. Die Wunde war schlimm, und ein fähiger magischer Heiler bestätigte auch, daß sich von der Wunde ausgehend etwas in seinem Arm ausbreitete, daß wie ein schwarzer Baum aussah und auf das Herz zusteuerte. Shin wurde immer schwächer, und bevor er vollends das Bewußtsein verlor, versetzte er sich selbst in eine Art Starre, um die Krankheit an der Ausbreitung zu hindern.

Die Lage in der Taverne war erdrückend. Man konnte das Böse in Shin Musos Adern zurückdrängen, so daß er wieder handlungsfähig war. Doch immer wieder wurden einige Einheimische zu boshaften Monstern und griffen die Gäste an. Der Wirt und die restlichen, normalen Einwohner lamentierten und drohten den Gästen, die sich wegen der Monster ihrer Haut erwehrten. Schon reisten einige Gäste aufgrund dieser absurden Lage ab. Wieder wurde Norghul seinem Ruf gerecht, die Welt der Normalität zu verlassen, und einfache Sterbliche in einen Kreis von Wahnsinn zu ziehen...

Als es dunkel wurde, kam es dann zum Angriff von einem ganzen Haufen dieser Monster. Die Nichte der Gräfin stürmte aus der Taverne und gesellte sich zu ihnen, als ob es ihre Freunde wären. Sie hielt die Puppe vor sich und befehligte den Haufen des Grauens zum Angriff auf die Gäste. Diese konnten sich nur mit Mühe der Schar der Monster erwehren. Es schien, als seien sie durch normale Waffen nicht zu verletzten. Es gab einen hohen Blutzoll. Beide Seiten mußten Verluste hinnehmen. Celevan und der Magus Astandil ergänzten sich gegenseitig, um den Monstern wenigstens einige kleine magische Stiche beizubringen.
Letztendlich konnte die Puppe der Nichte als Wurzel allen Übels ausgemacht werden. Als sie zerstört wurde, hörte der Spuk auf. Der Vorplatz der Taverne war überseht mit den Leichen der Monster. Doch der Horror war noch nicht vorüber. Der Wirt war ausser sich vor Wut und Zorn auf die Gäste. Er schimpfte sie Mörder und Totschläger, und er ließ nach den Ordnungsmächten von Norghul schicken. Die Leichen der Monster hingegen verwandelten sich unmerklich zu normalen Menschen. Ihr abscheuliches Aussehen wich dem Anblick von dahingemetzelten Leuten. Auch war von ihren Waffen plötzlich keine Spur mehr zu sehen. Die Wunden der Gäste, die vorher noch wie Schnitte aussahen, wurden bei näherer Betrachtung zu Biss- und Kratzwunden, als ob sich die Feinde nur mit bloßen Händen und Zähnen gewehrt hätten.

Kurz darauf trafen dann auch Keyla und Treach bei der Taverne ein und sahen den angerichteten Schaden. Der Wirt erzählte ihnen, wie die Gäste die wehrlosen Einwohner angegriffen und ermordet hatten. Bald darauf gesellte sich auch der Erzengel Michael dazu. Die dunkle Gestalt, die schon am Tage um die Taverne schlich, wurde als Dämon Azrael identifiziert. Es war sein makabres Spiel gewesen, daß für den Haufen von Leichen sorgte. Er hatte allen Gästen Trugbilder in den Kopf gesetzt und sie Dinge sehen lassen, die nicht real waren. Das Problem wurde dadurch gelöst, daß Michael alle getöteten Menschen wieder zum Leben erweckte. Ein weiterer Abend voller Mysterien, Verwirrungen und Wahnsinn neigte sich in der Taverne von Norghul seinem Ende.

Es sollte noch erwähnt werden, daß der Einzige, der nicht daran mitgewirkt hatte, die falschen Monster zu bekämpfen, Ranoka Liegimfeld war. Er war nach Norghul gegangen, um für seine Tat gegenüber den Dämonen zu bezahlen. Außer einem Dolch hatte er keine Waffen dabei. Ein langfingriger Geselle raubte ihm aber im Verlauf des Abends auch noch diese letzte Sicherheit, und so bleib ihm nichts weiter übrig, als zuzuschauen, wie die gesamte Taverne sich in ein Schlachthaus verwandelte.

Dies war die Geschichte des letzten Abenteuers von Celevan und Ranoka in Norghul. Beide waren sich sicher, daß sie so schnell nicht mehr dorthin zurückkehren würden. Celevan hatte von seinem Meister Joran den dezenten Hinweis erhalten, sich von diesem verfluchten Ort fernzuhalten. Ranoka hingegen wußte, daß er immer noch Feinde in Hel hatte, die ihn trotz seiner Sühne vielleicht sehr gern tot sehen würden. Außerdem war er sich sicher, daß dieses Land kein guter Platz für die körperliche und geistige Gesundheit normaler Menschen sei.

Und so schließt sich dieses Kapitel, und ein Mantel von schmerzhaften Erinnerungen und aufkommendem Irrsinn deckt sich darüber, auf daß die blutgetränkte Geschichte eine Warnung für alle sei, die es je wagen sollten, ihre Schritte nach Hel oder Norghul zu lenken.




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