Norghul II

Die Taverne am Rande des Schicksals
bzw. "Düstere Gefilde"


Düsterer Nebel zieht durch die verdorrten Bäume. Der Mond wirft seinen fahlen Schein auf diesen unwirklichen Ort. Wie die Augen eines hungrigen Raubtiers wirft die Taverne in Norghul gespenstisches Licht durch die Fenster in die Dunkelheit, um nach Wanderern Ausschau zu halten. Geschichten ranken sich um diesen Ort, Wesen aus den himmlischen und den dämonischen Gefilden gehen hier ein und aus. Ein Ort, wo ein Sterblicher nur ein dürres Blatt in der Gewalt des Sturmes ist. Doch immer wieder zieht es Neugierige in die Taverne, denn außerhalb dieses Unterschlupfes ist es wohl noch schlimmer...

Nach seinem Abenteuer auf Burg Heleka war Ranoka um ein paar Silberstücke reicher und wanderte einige Zeit durch Hel und suchte sein Glück auf der Insel Ishkara. Nach einigen Tagen unter der warmen Sonne zog es ihn wieder in die milderen Gefilde von Hel und Norghul. Davon unabhängig reiste Celevan mit Shin Muso und Dyvim Twar eine Weile umher, bis auch sie beschlossen, der Taverne in Norghul einen Besuch abzustatten.


Und so traf man sich relativ früh und noch während des Sonnenlichtes an diesem geheimnisvollen Ort. Da Ranoka, Shin Muso und Dyvim Twar schon vorher in der Taverne zu Besuch waren, begrüßten sie einige alte Bekannte. Man setzte sich in gemütlicher Runde hin und genoß die angenehme Wärme des Feuers im Kamin. Deorad De besuchte die Herberge und auch adliges Geblüt war mit Rajka Falkner anwesend. Andere Gäste trafen nacheinander ein, mit denen man gut ins Gespräch kam. Viele Geschichten wurden ausgetauscht und brandaktuelle Informationen wechselten den Besitzer. So weit nichts Ungewöhnliches für eine Taverne.

Doch mit der weiter sinkenden Sonne zog es auch andere Gestalten aus den unergründlichsten Sphären zu dem Hause mitten im Wald. Ein Gestalt trat durch die Tür, und jedem Anwesenden war klar, daß es sich um kein sterbliches Wesen handelte. Sein Gesicht war zu einer Hälfte schwarz und zur anderen rot. Seine Ausstrahlung war sehr düster und er bewertete die anwesenden Sterblichen nur mit einem abwertenden Blick. In seinem Gefolge war noch eine verhüllte weibliche Gestalt, die genau so düster daherkam wie der Dämon.


Nach einigen kurzen neugierigen Blicken hatte man sich allerdings ob des Rufes der Taverne schon an den neuen Gast gewöhnt. Doch als dieser sich in dem Geplapper und Gelächter der Menschen in seinem Gespräch gestört fühlte, verhängte er über alle Anwesenden gebieterisch ein Schweigen, und niemand konnte mehr etwas sagen. Erst, als sich einige Gäste weiter von der Taverne entfernten, konnten sie wieder miteinander sprechen. Deorad De erklärte ihnen dann, daß dieses Wesen Alastor hieße und der Henker der Unterwelt wäre. Mit deutliche weicheren Knien ging man dann wieder hinein und brachte Alastor eine gebührende Ehrerbietung. Da dieser aber gegenüber Menschen eine abneigende Ader hatte, hätte das auch eine schlechte Idee sein können. Wer ein oder zwei gut geschulte Augen hatte, konnte sehen wie er genüßlich an einem Kelch mit rotem Inhalt nippte. Die schlimmen Befürchtungen über die Natur der Flüssigkeit sollten sich später auch bewahrheiten.
Aber auch ausserhalb der Taverne bot sich dem neugierigen Abenteurer ein reiches Angebot an Möglichkeiten, dem Tode wieder etwas näher zu kommen. So sei ein untoter Mönch zu erwähnen, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, die Gefährtin von Shin Muso seinem Gott Belial zu opfern. Dazu schlich er sich an sie heran und teleportierte dann mit ihr zu einem Opferaltar neben der Taverne.
Zum größten Entsetzen der Helden hatte er jedoch einen Schutzkreis um sich errichtet, so daß alle Attacken wirkungslos blieben. Erst, als Deorad De sich dazu überreden ließ, Shin Muso in den Kreis zu teleportieren, war es möglich, den Priester für eine kurze Zeit von seinem Vorhaben abzubringen. Den ganzen Abend hindurch versuchte er immer wieder, seine Tat zu vollenden. Doch jedesmal konnte er teilweise unter großen Opfern davon abgehalten werden, seine blutige Tat zu vollenden. Leider wurde kein Weg gefunden, den untoten Priester für immer unschädlich zu machen.


Doch weitaus schädlicher für die körperliche und seelische Gesundheit unserer Helden war wohl der magische Steinkreis, der sich etwas abseits der Taverne im Gras ausbreitete. Sieben Steine warteten darauf, daß man ihr Geheimnis lüftete. Ein paar Verbrennungen und abgefrorene Finger später wußte man dann, daß vier dieser Steine die Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft darstellten. Die drei restlichen Steine jedoch blieben ein Rätsel. Erst als Deorad De und Dyvim Tvar gemeinsam auf einen dieser Steine trat, verschwanden sie plötzlich, und tauchten erst kurze Zeit später wieder ohne Waffen auf. Es waren also Portale.
Aber wo führten sie hin, was vergarb sich dahinter? Nun, es muß wie in jeder Geschichte einen mutigen und selbstlosen Held (in Fachkreisen auch "Lebensmüder" genannt) geben, der die Sache anpackt und vorwärts treibt. Diese gloreiche Rolle hat dann auch gleich Ranoka übernommen. Mit Mühe quälte sich noch lurz vor dem entscheidenen Schritt seine Vernunft in den Vordergrund und ließ ihn innehalten. Jedoch dachte sich Deorad De, daß es nur ein kleiner Schritt für Ranoka, aber eine große Belustigung für alle sei, wenn er ihn in das Portal schubsen würde. Sogleich verschwand dann auch unser Wochenendheld von der Bildfläche und fand sich in einer strahlend hellen Umgebung wieder.
Er fühlte, daß dies die himmlischen Gefilde waren und das verwirrte ihn. Denn so schnell wollte er gar nicht dort hin. Aber noch bevor er sich wirklich sammeln konnte, trat ein Engel auf ihn zu und gab ihm einen Auftrag. Er sollte mit einem metallischen Halsband einen Dämonen fangen. Jedoch nicht irgendeinen, sondern Treacherous, die Herrführerin von Hel und Leibwache der Fürstin. Natürlich hatte Ranoka vor, diesen Auftrag dankend abzulehnen, doch der Engel unterbreitete ihm, daß alle seine Freunde und er selbst getötet werden würden, wenn Ranoka den Auftrag nicht ausführte. Einen kurzen Augenblick später befand er sich wieder im Steinkreis.
Tja, da war nun guter Rat teuer. Entweder den Auftrag nicht ausführen, und darauf warten, daß einige sehr wütende Engel auftauchen, um alles Leben in der Taverne auszulöschen, oder den Verrat an Treach begehen und dann damit klar kommen, daß fast nur Dämonen in der Taverne sitzen, die ziemlich humorresistent sind. Zu seinem Glück war Treacherous gar nicht anwesend, doch man erwartete ihre Ankunft in Kürze, so daß ihm noch etwas Zeit zum ¨berlegen blieb. Da er den Auftrag von einem göttlichen Wesen bekommen hatte, war für ihn klar, daß er beobachtet werden würde, und jede Manipulation oder Sabotage des Plans entlarvt werden würde. Er zog deshalb nur wenige Vertraute wie Shin Muso oder Dyvim Tvar ins Vertrauen. Selbst Deorad De erfuhr letztendlich von dem brisanten Auftrag.
Zwischenzeitlich wurden auch die Endpunkte der anderen beiden Tore erkundet. Ein Portal führte in die Hölle, und der eifrige Abenteurer Dyvim Tvar, der sich dort hinein gewagt hatte, wurde nur unter der Bedingung wieder freigelassen, Alastor eine gewisse Menge Menschenblut zu besorgen. Unser guter Freund Celevan stellte sich dankenswerter Weise als (freiwilliger) Spender zur Verfügung. Der dritte Portalstein beförderte jeden Neugierigen in die Wohnung von Keyla, einer Kämpferin und Symbol des Ausgleichs.
Ranoka indes war immer noch innerlich zerrissen. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß die anwesenden Besucher der Taverne wohl einen Angriff von Erzengeln nicht abwehren könnten. Ein Kampf würde hohe Verluste fordern, es würde vielleicht Tote geben und Unschuldige treffen. Ein Durchführen des Verrates würde mit ziemlicher Sicherheit eine Rache der Dämonen hervorrufen.

Ranoka sah sich also in einer Lage, in der beide Entscheidungen zu einer ehrlosen Tat führen würden. Entweder er riskierte das Leben seiner Freunde, um sein eigenes zu retten, oder er müßte einen Verrat an einem Freund begehen. Schwere Krisen benötigen kluge Entscheidungen.
So wurde ein Plan ausgearbeitet, der es so aussehen lassen würde, daß Ranoka zwar alles dazu tun wollte, den Auftrag auszuführen, doch im letzten Moment von anderen Leuten daran gehindert wurde. Insidern auch als der gute alte "Haltet mich zurück!"-Trick bekannt. Das Halsband an sich sah ziemlich unscheinbar aus. Es war aus Metall, also eher ein Halsring, mit Stacheln versehen und hatte ein leichtgängiges Schloß. Laut Aussage des Engels würde man damit einen Dämonen kontrollieren können. Ranoka war sich also sicher, daß dieser Ring nicht tödlich sein würde.
Nun, wie dem auch sei, die Zeit verstrich und Treacherous reiste letztendlich doch noch an. Der Plan sah vor, daß entweder Shin Muso oder Dyvim Tvar immer in Ranokas Nähe bleiben sollten, um ihn kurz vor Ausführen des Auftrages niederzuschlagen. Als Treach kurz die Taverne verließ, folgte ihr Ranoka und stieß dabei Dyvim Tvar mit dem Fuß an, damit dieser ihm folgte.
Als er dann draußen stand, sprach er Treach an. Den offenen Ring in der Hand wartete er kurz, um Dyvim Tvar Zeit zu geben, sich in Position zu bringen. In dieser Gewißheit lenkte er Treach mit einigen Worten ab und führte den Ring zu ihrem Hals. Ranoka brachte den Auftrag des Engels immer weiter zu Ende, in Erwartung, daß gleich jemand eingreifen würde. Doch nichts geschah, so daß der Ring dann tatsächlich am Hals von Treach hing. Ranoka sah noch, wie sich Treachs Augen weiteten und sie vor Zorn und Schmerzen schrie. Dann traf ihn der Schlag von Dyvim Tvar, und die Welt wurde dunkel.


Das Aufwachen war auch nicht viel heller, denn als er die Augen öffnete sah er in eine ganze Handvoll wütender und grimmiger Dämonenfratzen, die sich über ihn beugten. An manchen Tagen sollte man eben besser gar nicht erst aufstehen... Nachdem ihm dann jeder Höllenbewohner lebendig ausmalte, wie er ihn foltern oder töten würde, kam der Henker der Unterwelt und nahm ihn mit in die Hölle, bevor ihn irgend jemand mit einem schnellen Tod erlösen könnte.

Die Taverne war ein Tollhaus. Die Dämonen waren ausser sich vor Wut und Zorn über das Attentat. Man hatte Treach in eine Zwischenwelt in Sicherheit gebracht, um sie vom Halsring zu befreien. Dieses himmlische sadistische Ding hatte seine Aura so lange verborgen, bis es in Kontakt mit einem Dämon kam. Dann erst versiegelte sich das vorher leichtgängige Schloß und brach die klerikale Aura ungehemmt hervor. Wenn Dämonen nicht schon dorther stammen würden, wäre solch ein Halsring für sie wie die Hölle.


Die Freunde von Ranoka versuchten, für seine Tat Milde und Gnade zu erbitten, stießen jedoch auf Ablehnung und Vorverurteilung. Außerdem kündigte sich noch ein anderes Problem beim Steinkreis an. Ein gestörter Magier versuchte, mittels der vier Elemente und der drei Portale eine Verbindung zwischen den himmlischen Gefilden, der Unterwelt und der Ebene des Ausgleichs zu schaffen, um einen Krieg zu provozieren. Er würde dann das Chaos ausnutzen, und sich zum Herrscher aufschwingen. So weit so schön, aber wie gut Pläne in Norghul dann letztendlich funktionieren, wissen wir ja bereits...
Die Gäste in der Taverne versuchten alles, um das Ritual zu verhindern und zu unterbrechen. Es gelang ihnen sogar, die vier Elementare, die aus den vier Steinen entfesselt wurden, auf ihre Seite zu ziehen. Doch der Magier war auch ein Mentalist, so daß er Kontrolle über einige Anwesende bekam und sie gegeneinander hetzte. Letztendlich war es einer List von Shin Muso und Dyvim Tvar zu verdanken, daß der Magier außer Gefecht gesetzt wurde, und die Welt wieder einmal vor dem Untergang bewahrt wurde. Ein schöner Abschluß für einen langen Abend, und alle kehrten glücklich und zufrieden heim. Naja, außer sie schmorten zufällig gerade in der Hölle. Denn oh Wunder, da war ja noch was.
Nun, der Rest ist schnell erzählt. Keyla konnte oder wollte sich zu diesem Zeitpunkt nicht mit dem Schicksal von Ranoka beschäftigen. So erwirkte sie von Alastor, daß dieser ihn auf freien Fuß setzte, mit der Bedingung, daß Ranoka sich nach einer gewissen Zeit wieder in Norghul einzufinden hatte, um seinem Schicksal gegenüber zu treten.

Und so zog denn unser Aushilfs-Strahlemann in Begleitung von Celevan von dannen und hatte einige Monate Zeit, noch einmal über seine Tat nachzudenken. Er wußte, daß er vor Erzdämonen nicht davonlaufen könnte.
Außerdem würde man sich wieder auf ein neues nervenzerfetzendes Abenteuer in Norghul freuen dürfen.




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